Leseprobe – Wenn der Winter uns findet

Kapitel 1

Noah’s Sicht

Ich blieb stehen bis ihr Wohnwagen hinter der Kurve verschwunden war.

Ich wusste nicht, wie lange ich da stand.

Fünf Minuten.

Zehn.

Eine Ewigkeit.

,,Vergiss das Meer nicht”, hatte ich gesagt.

Ich hätte sagen sollen: Vergiss mich nicht.

Aber das wäre unfair gewesen – falsch und vielleicht auch feige.

Ich ging zurück Richtung Bar. Jeder Schritt tat weh.

Überall waren Spuren von ihr:

Die Düne, an der wir gemeinsam saßen oder ich sie hier anhielt nur um sie zu spüren.

Der Olivenbaum, unter dem sie lachte.

Der Sandweg, an dem ich sie aufgefangen hatte, als sie stolperte.

Ich sah sie überall. Und ich hasste mich dafür.

,,Noah?”

Riccardas Stimme war vorsichtig.

Zu vorsichtig.

,,Was?”, knurrte ich.

,,Du bist….anders.”

Ich wollte sagen:,,Bin ich nicht.”

Ich wollte sagen:,,Mir geht´s gut.”

Ich wollte sagen:,,Lass mich in Ruhe.”

Aber alles, was herauskam, war:

,,Ich bin müde. Gewöhne dich daran.”

Sie glaubte es nicht.

Lucia auch nicht.

Giovanni erst recht nicht.

Ich hörte sie abends tuscheln.

,,Er isst kaum noch.”

,,Er schläft schlecht.”

,,Er ist ständig weg.”

Stimmte alles.

Ich war weg – innerlich.

Aber ich blieb. In der Hoffnung , dass sie doch noch kommen würde.

Das es ihr genauso gehen würde wie mir.

Woche für Woche.

Ich arbeitete noch härter als sonst. Mädchen kamen und gingen, aber keine berührte mich so wie sie.

Ich lachte, wenn man es erwartete.

Ich flirtete, wenn jemand flirtete.

Ich tat so, als wäre alles normal.

Aber in mir war Stille. Eine Stille die ich nicht kannte.

Ein dumpfer Schmerz.

Ein Beben.

Denn manchmal braucht ein Mensch Zeit, um zu zerbrechen.

Und manchmal zerbricht man erst, wenn der Winter kommt.

Kapitel 2

,,Winteratem”

Der Sommer war längst vorbei.

Doch manche Erinnerungen überstehen jede Jahreszeit – still, wie etwas, das leise im Herzen liegen bleibt.

Draußen fielen die ersten Schneeflocken, und ich spürte:

Etwas in mir war noch nicht vorbei.

Nicht mit dem Sommer.

Nicht mit dem Meer.

Der erste Schnee fiel an einem Dienstag. Ganz leise, als hätte der Himmel Angst, jemanden zu wecken.

Ich stand am Fenster meines Zimmers und sah zu, wie die Flocken langsam die Felder hinter unserem Haus bedeckten.

Letzten Sommer hatte ich denselben Blick – nur war alles golden gewesen, warm, voller Licht.

Jetzt wirkte es, als hätte jemand die Farben aus der Welt gezogen.

Als wir vor ein paar Monaten aus dem Urlaub zurückkamen, hatten Mathias und ich lange Gespräche geführt. Wir hatten Tränen, Ehrlichkeit und Pausen zwischen den Sätzen geteilt, aber am Ende standen wir nebeneinander.

Nicht perfekt.

Aber ehrlich.

Mathias war feinfühliger gewesen, als ich es verdient hatte.

Ich konnte offen über meine Gefühle zu ihm sprechen – und über die verwirrenden Gefühle, die Noah in mir ausgelöst hatte.

Ich denke so viel öfter an ihn, als ich will.

Irgendwann schlich sich wieder Alltag ein.

Mathias war mein sicherer Hafen. Das war ich mir sicher – oder wollte es sein.

Was das mit Noah war, kann ich bis heute nicht wirklich erklären.

Mathias war sehr einfühlsam und unterstützte mich, ohne zu drängen.

Er wusste das ich kämpfte.

Er wartete.

Er hielt mich fest – und ließ mir trotzdem Raum.

Der Herbst verging wie im Flug: Schule, Tests, Lernen und dann endlich – mein Führerschein.

Ich bin keine perfekte Fahrerin, aber für kurze Strecken reicht es.

Für meinen Alltag.

Für das, was sicher ist.

Und was sich nicht geändert hatte, war:

,,Lia, Frühstück!”.

Meine Mutter.

Alles wie immer.

Alles normal.

Nur ich nicht.

Obwohl ich schon längst selbstständig war, behandelten meine Eltern mich wie ein Kind. Das Los des Einzelkindes. Mathias und ich sprachen schon über eine kleinen gemeinsame Wohnung.

Er verdiente nicht schlecht, und ich wollte am Wochenende jobben.

Der Winter hatte Einzug gehalten.

Ich zog meinen Schal enger, schnappte meinen Rucksack und ging die Treppe hinunter.

Mama hatte das Stiegengeländer und Wohnzimmer mit Weihnachtsdeko zugestellt. Überall funkelte , glitzerte oder blinkte etwas. Sogar der Spiegel im Flur hatte eine Lichterkette bekommen.

,,Es ist Advent! Da darf es ruhig ein bisschen übertrieben sein”, sagte sie.

Ich lächelte – und dachte an das Sonnenlicht Italiens.

Papa verdrehte die Augen, trank seinen Kaffee fertig und verabschiedete sich zur Arbeit.

Mama sprach über die neue Wetterwarnung, und ich nickte an den richtigen Stellen.

Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich wochenlang nur genickt.

Mathias wartete wie jeden Tag vor dem Haus. Er brachte mich zur Schule und fuhr danach weiter zur Arbeit.

Sein Lächeln war warm, sein Blick weich, und als er mich sah, stieg er aus, breitet die Arme aus und zog mich in eine Umarmung. Ich sah, wie meine Mutter hinter dem Vorhang verschwand – mit einem zufriedenem Lächeln.

,,Guten Morgen, Motzl”, flüsterte ich.

Der Spitzname fühlte sich vertraut an – und gleichzeitig fremd.

Er küsste mir die Stirn.

Früher hat das ein Kribbeln ausgelöst.

Jetzt nur Wärme. Sicherheit.

Nichts Schlechtes.

Nichts Schlimmes.

Nichts… Besonderes.

Während der Fahrt erzählte er von einem neuen Programm, von einem Kollegen, der ihn nervte, von seinen Eltern, die mich schon als perfekte Schwiegertochter sahen. Manchmal könnte man glauben, unsere Eltern planten heimlich bereits alles.

Ich hörte zu.

Ich lächelte.

Ich antwortete.

Ich spielte normal.

Und vielleicht wurde ich es irgendwann wieder.

Vielleicht.

Die Bäume am Schulweg waren mit warm-gelben Lichterketten umwickelt, als hätten sie kleine Sonnen gefangen. Der Frost glitzerte auf den Autos, und mein Atem stieg als weiße Wolke vor mir auf – so ganz anders als die Salzluft des Sommers.

Das Schulgebäude selbst ähnelte einem Weihnachtsbasar. Im Eingangsbereich stand ein großer Adventskranz. Irgendwo übte ein Chor ,,Oh Holy Night”.

Und trotzdem fühlte ich mich, als wäre ich allein in einem Schneesturm.

In der Pause saß ich mit Melanie in der Cafeteria. Der Duft von Kakao und Kaffee hing in der Luft, draußen wurde der Schnee dichter.

Mel musterte mich, als könnte sie, durch meine Stirn in meine Gedanken sehen.

,,Du bist ruhiger als sonst”, sagte sie schließlich.

,,Es ist nur der Winter.”

Ich zog die Schultern hoch.

,,Lia.”

Ein einziges Wort – aber so viel Bedeutung.

Ich seufzte.

Meine Finger klammerten sich um den warmen Becher, als müsste er mich zusammenhalten.

,,Ich… denke manchmal noch an den Sommer”, gab ich zu.

,,An… alles.”

Mel`s Blick wurde weich.

,,An Noah.”

Ich nickte ganz leicht.

Es tat nicht mehr so weh wie früher – oder ich hatte mich an das Ziehen gewöhnt.

,,Aber ich will nach vorne schauen”, sagte ich, zu schnell, zu bestimmt.

,,Mathias ist… er ist mein Zuhause. Mein sicherer Hafen. Er hat es verdient, dass ich ehrlich bin und zu ihm stehe. Ich bemühe mich ja auch. Es geht mir gut mit ihm. Wir lachen wieder, haben dieselben Interessen.”

,,Willst du das wirklich?”, fragte Mel vorsichtig.

Ich bannte meinen Blick auf den Tisch.

,,Ich muss. Er hat es verdient. Und ich… ich auch.”

Mel sagte nichts mehr.

Sie musste nicht.

Sie wusste, dass ich versuchte, etwas in mir leise zu kriegen, das nicht leise sein wollte.

Am Nachmittag gingen wir gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt. Überall funkelten Lichterketten, Fensterscheiben waren beschlagen, Kinder zogen rotwangig vorbei.

Mel drückte mir heißen Punsch in die Hand.

Er dampfte, roch nach Zimt, Orange Nelke – aber die Wärme kam nicht bis in mein Herz.

,,Du liebst doch sonst Weihnachten”, sagte sie.

,,Was ist dieses Jahr anders?”

Ich sah zu den Lichtern über uns. Sie glitzerten wie kleine Sterne.

Wie die Sterne über dem Meer, dachte ich.

Das Ziehen in meiner Brust kehrte zurück.

,,Ich weiß es nicht”, murmelte ich.

Mel wusste es.

Nachdem Mel nach Hause musste – ich hatte noch Zeit bis Mathias kam – ging ich durch den Park neben der Schule. Atmete die klare Winterluft ein.

Blieb stehen.

Schloss die Augen.

Streckte mein Gesicht den Himmel entgegen.

Die Schneeflocken berührten meine Haut und explodierten wie kleine Sterne.

Wie die Sterne über dem Meer, dachte ich.

Ein prickelndes, warmes Gefühl durchströmte mich- als würde Noah hinter mir stehen, ganz nah, sein Atem an meinem Hals, seine Augen dunkel und durchdringend, seine Hände warm… weich…

,,Lia!” …

Was?

Ich fuhr erschrocken herum.

Wurde knallrot.

Ich fühlte mich ertappt, als hätte Mathias meine Gedanken gehört.

Die Leseprobe endet hier…

Den Roman gibt es bei Amazon als E – Book und Taschenbuch.

Nach oben scrollen