Leseprobe

Wenn der Sommer uns verrät

Kapitel 1

„Lia!“, rief meine Mutter, und ihre Stimme schnitt durch den Flur wie ein viel zu heller Ton.

Ich schloss kurz die Augen.

Nicht schon wieder….bitte

Sie meinte es gut, das wusste ich — aber in solchen Momenten fühlte es sich an, als würde sie mir die Luft aus dem Körper drücken.

Mit meinen 18 Jahren behandelten mich meine Eltern immer noch, als wäre ich zwölf.

„Es sind doch nur drei Wochen!“, rief sie weiter und schnaufte dieses typische „Ich-hab-echt-keine-Nerven-mehr“-Schnaufen, das ich schon im Schlaf erkannte.

„Und im Zeitalter der Handys könnt ihr doch sowieso videotelefonieren!“

Ich verdrehte die Augen und sah wieder auf mein Handy. Auf dem Bildschirm wartete Mathias — geduldig, warm, mit diesem Blick, der immer so tat,

als könnte mich nichts und niemand nerven.

„Sorry“, murmelte ich. „Sie dreht wegen jedem Koffer durch. Ich muss noch packen und alles runterbringen. Ich meld mich, wenn wir unterwegs sind, ja?“

Ich saß im Auto, die Knie klebten am Sitz, und draußen flimmerte die Luft über der Küstenstraße.

Mama sang leise mit, irgendein Lied aus dem Radio, und ich dachte, dass alles wieder so sein würde wie

immer.

Jedes Jahr roch Italien gleich – nach heißem Asphalt, nach Salzluft und den Mandeln, die Papa an der Tankstelle kaufte, obwohl er sie gar nicht mochte.

Alles ist wie immer. Und doch… irgendetwas in mir hofft, dass dieser Sommer anders wird.

Ich nahm das Meer wahr, bevor ich es sah. Dieser salzige Geruch öffnete mir jedes Jahr das Herz – und tat gleichzeitig weh.

Wie kann etwas so schön und traurig zugleich sein?

Die Straße glühte, der Wind spielte warm durch das offene Fenster, und mit jeder Kurve wurde das Rauschen lauter, näher, dringlicher.

,,Da ist er!”, rief Mama, als wir die Einfahrt sahen.

Über dem Torbogen hing das vertraute Holzschild: Camping Marini – leicht verwittert, ein bisschen schief, aber für mich schöner als jedes Hotel.

Hinter dem Eingang vibrierte der Sommer. Stimmen in allen Sprachen, Kinderlachen, das Klirren von Geschirr, das ferne Bellen eines Hundes.

Ich öffnete das Fenster. Der Duft von Sonnencreme, Kaffee und Meer wehte herein. Alles war, wie es immer war – und doch ein bisschen anders.

Zwischen den Wegen standen Wohnwagen und bunte Zelte, Oleanderbüsche glänzten in der Hitze, Handtücher flatterten wie kleine Flaggen eines Landes,

das nur im Sommer existierte.

Vor der Rezeption klingelte die alte Glocke.

Riccarda, die Tochter der Besitzer, winkte uns schon entgegen, ihr dunkles Haar zum Knoten gebunden, die Sonnenbrille im Haar.

,,Benvenuti!!!”, rief sie und umarmte erst mich, dann meine Mutter, dann meinen völlig überraschten Vater.

Lucia, Mutter von Riccarda, warm und neugierig wie immer, tauchte dahinter auf.

,,Ihr seid endlich da! Giovanni hat schon alles vorbereitet!”

Papa grinste. ,,Wie jedes Jahr.”

Ich lachte – aber tief in mir war etwas ungewohnt still.

Ich bin nicht mehr dieselbe wie letztes Jahr…

Und vielleicht war es genau deshalb, dass sich alles so anders anfühlte.

Der Campingplatz pulsierte vor Leben – Musik, Wasserplätschern, Stimmen, und irgendwo dazwischen eine Welle, die ans Ufer glitt.

Kaum hörbar.

Aber spürbar.

Wie ein Herzschlag.

Diesmal wird alles anders, dachte ich – ohne zu wissen, wie sehr ich recht behalten würde.

Dann sah ich ihn.

Nicht wirklich – mehr wie ein Schatten zwischen Wohnmobilen und blühenden Oleanderhecken.

Eine Bewegung.

Ein Lichtreflex auf Haut.

Dunkles Haar, das die Sonne einfing.

Irgendetwas in mir blieb stehen. Ein Atemzug, ein Muskel, ein Gedanke.

Wer ist das?

Ich wollte wegsehen.

Ich wollte hinsehen.

Ich tat beides gleichzeitig.

Und dann war der Moment wieder weg – wie ein Tropfen auf heißem Stein.

Nachdem wir alles ausgeladen hatten, nahm ich mir wie jedes Jahr ein paar Minuten für mich.

Der Weg zum Strand war derselbe geblieben – der schmale Pfad, das Summen der Zikaden, dieser eine Windhauch, der plötzlich nach Salz schmeckte.

Als ich die Dünen erreichte, blieb ich stehen.

Der Strand lag vor mir, weit und schimmernd.

Das Meer glitzerte, als hätte jemand flüssiges Licht darüber gegossen.

Ich schloss die Augen und atmete tief ein.

Ich wünschte, Mathias wäre hier…

Wir waren schon eine Weile zusammmen.

Es war gut.

Sicher.

Ein Hafen, keine Welle.

Ich öffnete die Augen.

Menschen lachten, spielten, liefen durchs Wasser, Kinder bauten Burgen, Paare lagen in der Sonne.

Ich zog die Schuhe aus, spürte den Sand unter meinen Füßen – warm, weich, vertraut.

Hier begann jedes Jahr mein Sommer.

Und vielleicht… vielleicht beginnt hier auch etwas anderes.

Der Campingplatz war laut und lebendig.

Kinder auf Fahrrädern, das Klatschen eines Balls am Tennisplatz, Stimmen und Musik von der Strandbar, Grillgeruch in der Luft.

„Lia, hilf mir mal mit der Markise!“, rief Papa.

Wenn ich jetzt hingehe, ist der Moment weg. Und ich will noch einen Atemzug länger hierbleiben.

Ich tat, als hätte ich es nicht gehört. Mein Blick glitt stattdessen dorthin, wo ich diesen einen Schatten gesehen hatte.

Und da war er wieder.

Diesmal klarer.

Dunkles Haar.

Sonne auf der Haut.

Etwas in seiner Haltung, das mich irritierte.

Er hob den Kopf.

Nur für einen Augenblick.

Nur ganz kurz.

Aber es reichte.

Er gab mir das Gefühl, dass er mich schon gesehen hat, bevor ich ihn sah.

Doch bevor ich mir mehr Gedanken darüber machen konnte, rief mein Vater erneut- – diesmal lauter.

Der Campingplatz „Marini“ war wie eine eigene kleine Welt –

eine Welt, die jeden Sommer neu geboren wurde.

Links vom Eingang erstreckte sich die Rezeption, ein kleiner, gelb verputzter Bau

mit grünen Fensterläden und einer alten Messingglocke über der Tür,

die bei jeder Bewegung klirrte.

Neben der Tür standen zwei verbeulte Fahrräder,

die seit Jahren niemand mehr auszuleihen schien,

aber zu diesem Ort gehörten wie das Meer zum Horizont.

Der Weg dahinter führte durch schmale Pfade, vorbei an den Bungalows,

gesäumt von üppigen Oleanderhecken in Rosa und Weiß.

Ihre süßliche Schwere lag in der Luft, vermischt mit Sonnencreme

und dem vertrauten Duft – nach Espresso, warmen Holz und Meer.

Wohnwagen reihten sich aneinander —

manche neu und glänzend, andere mit verblassten Markisen

und Wäscheklammern, die seit gefühlt zehn Jahren an derselben Stelle hingen.

Vor einem stand ein alter Gasgrill, aus dem der Duft von Knoblauch und Olivenöl stieg.

Ich lächelte. Sommer roch nirgends so wie hier.

In der Ferne hörte man das Bimmeln der Schaukeln vom Spielplatz,

ein rhythmisches Quietschen, begleitet vom lauten Lachen von Kindern,

die barfuß über den warmen Boden rannten.

Jemand pfiff nach einem Hund, irgendwo fielen Teller zu Boden,

und eine Frau fluchte auf Italienisch —

nicht böse, sondern so melodisch, dass ich schmunzeln musste.

Rechts vom Weg lag der Tennisplatz,

auf dem zwei Männer mit hochroten Köpfen so taten,

als würden sie bei den French Open spielen.

Der Ball klatschte gegen das Netz,

ein dumpfer, vertrauter Ton, der zum Sommer gehörte wie das Zirpen der Zikaden.

Hinter den Stellplätzen stand das Duschhaus mit den pastellblauen Fliesen,

die ich seit meiner Kindheit kannte.

Schon jetzt hörte ich das Echo der Dusche,

dieses typische Plätschern, wenn jemand den Sand von den Füßen spülte.

Der Geruch nach Shampoo und heißem Wasser trieb in die Luft,

gemischt mit dem salzigen Atem des Meeres.

Und dort, wo der Weg in hellem Kies in zwei Richtungen abbog,

lag das Herz des Campingplatzes:

die Strandbar – Riccardas Idee, mit ihren weißen Holzstühlen,

bunten Lampions und dem Summen eines Ventilators,

der gegen die Hitze ankämpfte.

Tagsüber Treffpunkt für Sonnenhungrige,

abends ein leuchtender Ort aus Musik, Cocktails und Stimmen.

Wie jedes Jahr am 15. August (Ferragosto) veranstaltet die Familie ein großes Fest mit Musik, Tanz und Feuerwerk.

Hinter der Bar begann der Strandpfad –

eine schmale Linie aus weichem Sand,

der zwischen den Dünen verschwand.

Dort wurde der Campingplatz plötzlich leise.

Die Luft frischer.

Die Welt weiter.

Und irgendwo hinter den Dünen hörte ich es:

das Rauschen, das immer schon in mir ankam,

bevor ich selbst dort stand.

Hier begann jedes Jahr mein Sommer.

Und irgendwo, ganz weit hinten, begann etwas Neues in mir.

Die Leseprobe endet hier…

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